Aktuelle Mitteilungen

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22.03.2018

Bilder: Christel Stephan

Pater Elmar Salmann in St. Thomas

Ein Bericht von Christel Stephan

„Neuer Wein in alten Schläuchen?“ - Impulse für mein Christsein in heutiger Zeit
Benediktinerpater Elmar Salmann referiert am 17. März 2018 in St. Thomas, Bremen

Zum Referenten: Pater Elmar Salmann OSB, Kloster Gerleve

Biographie: geb. 12. Mai 1948 in Hagen/West
1966-71 Studium kath. Theologie in Paderborn und Wien
1972 Priesterweihe
1973 Eintritt Benediktiner-Abtei Gerleve/Münsterland, dort Arbeit in der Jugend-, Exerzitien- und biographischen Seelsorge, in der psychiatrischen Begleitung und Priesterbildung- und begleitung (Gewitterzonen!)
1977 Feierliche Profess
1979 Promotion zum Dr. theol. bei Prof. Dr. Hünermann/Münster
1981-2012 Professor für Philosophie und Systematische Theologie an den Päpstlichen Universitäten Sant`Anselmo und Gregoriana in Rom (Betreuung von 100 Promotionen)
Gründung zweier Institute (Philosophie und Mystik, Geschichte der Theologie)

Sein besonderes Interesse liegt in der Vermittlung von Moderne und Christentum, Erfahrung und Symbolik, Trinitäts- und Gnadenlehre wie ihren psychologisch-biographischen Resonanzen und ethischen Fragestellungen. Er ist seit 2012 wieder in der Exerzitienarbeit und Priesterfortbildung tätig und hält Kulturvorträge (bes. Kunst und Religion sowie zur christlichen Deutung der Moderne und umgekehrt).

1.        Abschnitt vor dem Mittagessen  (2. Abschnitt nachm.:Vernachlässigte Themen)

Überblick über die Veränderungen der letzten 60 Jahre, Wandlungsgeschichte in dieser Zeit

  • Ist es eine Geschichte der Befreiung, eher eine Last oder Lust? Es sind eher gemischte Gefühle.
  • Ist es neuer Wein in alten Schläuchen oder auch alter Wein in neuen Schläuchen?
  • Muss sich der alte Wein in neuen Schläuchen zurechtfinden, wie passt der neue Wein in die alten Schläuche? Geht das eine wie das andere? Was ist möglich?
  • Beispiel Beichtpraxis: Ist es eine Befreiung, nicht mehr nüchtern und ohne vorherige Beichte kommunizieren zu können?
  • „Kommunizieren“ bedeutete früher fast nur: „die hl. Kommunion“ empfangen, in der Kirche zur Kommunion gehen, heute versteht man darunter etwas ganz anderes (nicht nur social media).
  • Heute spielen Begriffe wie Beziehung, Rhythmus, Geselligkeit, Gemeinschaft, d.h. Urbegriffe der Demokratie eine Rolle
  • Freude am Wachstum der anderen steht im Gegensatz zum hierarchischen Gott
  • Autoritäten haben sich gewandelt. Vom Arzt erwarteten wir alles, von der Kirche nicht mehr viel. Gesundheit ist heute vielfach das „goldene Kalb“, das angestrebte und seligmachende Gut. Begriff des „therapeutischen Menschen“.
  • In der Zeit von Papst Pius XII. bis zum jetzigen Papst Franziskus ist viel passiert, vergleichbar mit den Zeiten von Konrad Adenauer bis Angela Merkel.
  • Zeitalter des demokratischen Menschen seit 1968.
  • Fußt auf den Ideen der Eliten zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Frauen- Jugend (Jugendbünde)-Sport- und Kindbewegungen (Montessori).
  • Exkurs: Noch Papst Pius X. ging gegen moderne Ideen vor, die sich teilweise in agnostische, politisch auch totalitäre (Kommunismus, Nationalsozialismus)und nekrophile Bewegungen, auch als Reaktion wandelten.
  • Nach 1968 wurden diese Gedanken und Gefühle der damaligen Eliten Allgemeingut in einer demokratischen Gesellschaft.
  • Begriffe wie flexibel, mobil, longlife learning sind angesagt, die Rolle der Frau, Sexualität haben sich gewandelt.
  • Es gibt keine Stände mehr. Der Stand der Lehrerin war früher „ehelos“, keine Lehrer ohne Krawatte!
  • Was das Kind betrifft: vom „Wonneproppen zum Satansbrätchen“. Früher waren die Eltern eine Einheit und die Kinder kamen dazu, heute ist es  manchmal eher umgekehrt.
  • Wir denken heute mehr von den Opfern her. Nicht der Staat, die Mehrheit, die Kirche hat immer Recht.
  • Zeitalter der Minderheiten, keine Volksparteien (SPD) mehr, Kirche ist Minderheit, wenn auch noch keine Sekte, verschiedene Welten vermischen sich: Selbst in einigen Schrebergartenvereinen gibt es kein Bier mehr, weil die Mehrzahl der Mitglieder aus der Türkei stammen. Ist das gut oder nicht? Kein Wunder, das es Verlustängste gibt.
  • Viele Veränderungen, die im Detail mehr zu sehen sind als in großen Theorien, sind nicht harmlos.
  • „Man zappt im Netz oder man zappelt darin“!Ziel nach restloser Gleichheit, Recht auf Entfaltung für alle führt zu Anspruch und der Entwicklung zu einer Rechtsmittelgesellschaft.
  • Alle sind gleich, aber jeder muss individuell gefördert werden.
  • Menschen möchten religiöse, spirituelle Menschen sein, verbunden mit allen anderen Religion, ob sie das nun im Yoga Club, in der Zen Meditation oder im Trommelclub finden.
  • Es gibt kaum noch Vorgaben, Parteien nicht mehr repräsentativ, die SPD-Mitgliederbefragung bzgl. der Regierungsbildung eigentlich nicht zulässig und verfassungskonform.
  • Die Wandlung der Religion in eine agnostische, beliebige, nicht eigentlich gläubig, nicht mehr Kirche der Heiligkeit, des Sakralen, Verehrung des Heiligen.
  • Praxis: eher parktisch-caritativ , aber oft den Institutionen überlassen
  • Der Herrgott hat sich vielfach zum Hl. Geist, Christus zum „Bruder auf dem Weg“ gewandelt, alles gibt es in homöopathischen Dosen, der atmosphärische Gott ist angesagt.
  • Von Paulus zu Lukas, von Matthäus zu Joh., von der „Verbindlichkeit“ Benedikts XVI. zur „Verbindung(en)“ des Papstes Franziskus.
  • Früher hatte P. Elmar 80% europäische Studenten in Rom, heute sind es 80%, die nicht aus Europa kommen, die nicht mehr in erster Linie die abendländische Tradition kennenlernen wollen, sondern mit der Erwartung kommen, dass ihre eigenen Traditionen (z.B. Konfuzius) übernommen und integriert werden können.
  • Seelische und psychische Aufnahmekapazitäten: A. Merkel hat seiner Meinung nach einen Fehler gemacht, als sie zu viele und unkontrolliert Flüchtlinge ins Land gelassen hat, ebenso wie die Kirchen. Sie haben die seelische und psychische Aufnahmekapazität der Menschen überschätzt.
  • Eigene Erfahrung: Wenn ein neuer Arbeitskollege, eine neue Bekanntschaft oder Freundschaft dazukommt, fällt eine andere heraus.
  • Der Mensch ist ein endliches Wesen, er kann nicht ohne Grenzen, Begrenzung oder Einschränkung.
  • Wenn auch am Karfreitag die Bremer Osterwiese weiterhin der Betrieb laufen soll, ist das nicht nur unsinnig, sondern auch eine Überfrachtung, es gibt keine Zeit der Ruhe, des Innehaltens mehr.
  • Da wir nicht mehr an ein Leben danach, ein anderes Leben glauben, muss alles in dieses Leben gepackt werden. Wir wollen hier schon den „Himmel auf Erden“. Deshalb darf es keinen Stillstand geben. Ein paar freie Tage, schon geht es ab auf die Malediven. Auf der anderen Seite gibt es die viele Menschen, die ihre alten, vor 40 Jahren abgeschafften Autokennzeichen (z.B. Tecklenburg, Ahaus) wieder haben möchten.
  • Die restlose „Entschränkung“ tut dem Menschen nicht gut. Wir haben ein anderes Persönlichkeitsprofil. Wir sind „Ausgleichswesen“. Wir haben ein inneres Gleichgewichtsempfinden, das wir als Chance betrachten sollten. Nicht umsonst verbringt der Mensch ein Drittel seines Lebens im Schlaf. Schlafentzug ist eine der bekanntesten Foltermethoden.

Fazit: Es gibt einen Kultur- und Traditionsabbruch, der sicherlich in einigen, nicht in allen Fällen bedauerlich, aber letztlich nicht zu ändern ist.

Die anschließende Fragestunde war sehr lebhaft, interessant und durch viele persönliche Erfahrungen angereichert, sehr kurzweilig.

2. Abschnitt: Vernachlässigte Themen nachm.

  • Es geht um eine Art Flurbegehung/Landschaftspflege: Was ist von den Kirchen in den letzten 60 Jahren vernachlässigt worden?
  • Historisch gedacht: die Geschichte hat große Räume: In der Zeit der Völkerwanderung war Rom durch verschiedene Völker (Goten, das waren wir) bedroht und ist ja auch letztlich durch Alarich und seine Vandalen erobert worden.
  • Die Kirchenväter Hieronymus und Ambrosius haben die Ankunft anderer Kulturen ganz unterschiedlich betrachtet. Während Hieronymus sich auf die neuen Einflüsse freute, sah Ambrosius, der eine Art Polizeipräsident in Mailand war, diese Situation sehr negativ.
  • Augustinus hat in seinem Werk „Der Gottesstaat“ versucht, den Ansturm der fremden und heidnischen Völker auf seine Heimat Nordafrika zu verarbeiten.
  • Letztlich ist aus dieser Völkerwanderung das Hl. Römisches Reich, Deutscher Nation entstanden.
  • Wir können nicht um die Ecke sehen, wir sollten mit beiden Lungenflügeln atmen, keiner hat zu 100% Recht, meistens sind es auf beiden Seiten nur 60%.
  • Wir brauchen Zeiten, in denen wir uns fallenlassen, wir uns regenerieren können. Dabei sollten wir offen sein, aber auch unsere eigenen festen Standpunkte haben. Wir können nicht alles annehmen- aber auch nicht alles ablehnen.
  • Zutrauen zum Leben und auch die Erkenntnis, dass sich die meisten Dinge von selbst erledigen (positives Unbewusstes). Unverständliches gehört zum menschlichen Leben ebenso wie die Notwendigkeit der Brache, der Rekreation.
  • Was hat die Kirche vernachlässigt: Die Erinnerung, das Gebet, Gnade, Sammlung, vor Gott stehen, Unterbrechung, Lob, Bitte, Preisen, Lobpreisen- nicht Lobhudelei, die Psalmen, Benediktiner: benedicat: lobpreisen, gutheißen. Magnificat.
  • Vorschule des Gebetes: sich bei sich finden – sich bei Gott finden wir haben loben und preisen verlernt.
  • Nur im Raum der Rühmung, darf die Klage sein. Nur in Verbindung mit der Bitte, dass mein Leben sich in Würde bewahren und nicht zerbrechen soll, darf die Klage sein.
  • Wir sollten wissen, was dem religiösen Haushalt guttut. Güte, Gutmütigkeit, Allmacht Gottes, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Göttliche Mitfreude am Entstehen anderer, Wachstum und Bindungsschmerz.
  • Das Wissen um den anderen, Freude an anderen, damit einhergehend Taktgefühl, die Menschlichkeit Gottes bedeutet die Vergöttlichung des Menschen.
  • Nicht wie in der Politik, dass wir jemandem etwas absprechen
  • Vom anderen her denken, ohne zu ihm über zu laufen.
  • Die Freiheit des Menschen wird von Gott respektiert. „Wunschloses Unglück“= Verkrustung des Menschen, die die Zugewandtheit Gottes nicht öffnen kann. Peinlichkeit einer verloschenen Liebe= Hölle.
  • Beispiel des Diamanten: Erst geschliffen wird er zu einem Prachtstück, das in allen Variationen funkelt und blitzt. Gott als Juwelier, der den Rohdiamant reinigt und schleift, um ihn in vollem Umfang zum strahlen zu bringen.
  • Bergpredigt: als Moralpredigt = unerträglich, als einladend, mit einem Lächeln Jesu, in einer freundlichen Atmosphäre zu verstehen. Das Lächeln Jesu: keine Moralpredigt, sondern Freude am Leben – ein lösendes Lächeln, das um den Menschen weiß.
  • Gottes Entdeckerfreude an den Menschen, die Verschwendung Gottes an den Menschen, Gott weiß um den Menschen. Wir haben jeden Tag die Chance neu, neu mit ihm zu beginnen.
  • Zukunft der Kirche:
    Von den Freikirchen können wir lernen, z.B. jeder ist willkommen, Gefühle ansprechen, Ausdruck verleihen.
    Erfolg des Islam: verborgene Gott, feste Regeln. Vorschriften für das alltägliche Leben
    Trinität = demokratischer Gott: Verschiedenheit, Gegenseitigkeit, Freiheit
    Gottes Wesen: Gottes Kraft mit sich und den anderen immer neu anfangen.
  • Kirche sollte Themen wie Alter, Tod und Auferstehung nicht vergessen. Wie wird unsere Gesellschaft sich entwickeln mit zunehmen alten, kranken und dementen Menschen.
  • Pastorale Zentren sollten entstehen mit Priestern für die Spiritualität (nicht für die Verwaltung), mit kompetenten Theologinnen und Theologen, therapeutischen, sozialen und pflegerischen Fachkräften.
  • Zum Schluss: Das Leben ist ein Kreuzworträtsel: Es ist uninteressant, wenn es gelöst ist und wir es wegwerfen.

Fazit: angesichts der Lage gemäßigt mit Humor und Melancholie bleiben.

Im anschließenden Gottesdienst deutete Pater Elmar zur Illustration seiner Worte auf das Licht, das zu beiden Seiten der St. Thomas-Kirche in deren Raum einfiel, sich in der Mitte, dem Altarraum sammelte und dann als eine Art Lobpreis zu Gott emporstieg.

Nahezu 65 Personen aus allen 5 Bremer Pfarreien, die ehrenamtlich ältere Menschen in ihrer Wohnung, in Altenheimen und Krankenhäusern der Stadt besuchen. Eingeladen waren sie vom Arbeitskreis Altenpastoral, der sich aus dem CKD Dekanatsvorstand, den Seelsorgerinnen der CV Heime und z. Zt. leider nur einem Vertreter aus den Pfarreien zusammensetzt.

Text: Christel Stephan (verantwortlich für den Inhalt)